Aktuelles Projekt

Phantomliteratur. Über angekündigte Werke und ihre Wirkungen

Das Feld des Ungeschriebenen ist deutlich größer als dasjenige des Geschriebenen. Die Insel der Produktion schwimmt in einem Meer abgebrochener Projekte, das sich mindestens seit der Ausprägung moderner Autorschaft im 18. Jahrhundert füllt: Goethes Roman über das Weltall, Kleists Geschichte meiner Seele, Büchners Pietro Aretino, Fontanes Likedeeler, Melvilles Agatha Hatch, Thomas Manns Friedrich, Schulz’ Messias, Koeppens Jugend, Bachmanns Todesarten, Wenses All-Buch, Bolaños Nöte des wahren Polizisten – um nur wenige prägnante Beispiele zu nennen. Diesem Phänomen widmet sich mein Essay kulturgeschichtlich und literaturwissenschaftlich. Drei Vorannahmen sind dabei leitend: Erstens möchte ich das Nicht-Schreiben nicht ausschließlich als Scheitern auffassen, sondern die Produktivität der Ankündigung untersuchen; zweitens möchte ich literarisches Schreiben nicht vom Geniebegriff her verstehen, sondern vom Begriff des Projektemachers: Literarische Arbeit realisiert sich in Projekten, denen ihre Nichtrealisierung bereits eingeschrieben ist. Ich unterscheide verschiedene Strategien im Umgang mit Projekten – Negation, Seduktion und Produktion – und berühre dabei zentrale Vorstellungen der Literatur: den Werkgedanken, die Idee von Kreativität, die Bedingungen des Schreibens und Publizierens, die Diffusion von Autorschaft in literarischen Netzwerken. Zugleich geht es um konkrete Formen des Nicht-Schreibens – als Werterhaltung, als Werbemaßnahme, als Protest –, um das Weiterschreiben begonnener Projekte bis hin zur KI, und um das Schreiben über das Nicht-Schreiben selbst. Und drittens möchte ich diese Vorhaben immer vor dem Hintergrund der Kippfigur von Idee und Material beschreiben: Die Ankündigung ruft einerseits Werkphantasien auf, und produziert andererseits immer auch Paratexte und Notizen.

Forschungsschwerpunkte

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Phantomliteratur

KI und das Ende der Latenz. In: POP Online (2023)

Mögliche Werke und Schreiben bei Hans Jürgen von der Wense. In: Kulturpoetik 23.2 (2023), S. 206–225

Veitstanz und Fortschritt. Projektemacher vom Barock bis zur Romantik. In: Scientia Poetica 23 (2019), S. 86–122

„Schreibschweigsamkeit und Schreibdiarrhöe“. Vom Wert des Ungeschriebenen in Elias Canettis Augenspiel. In: Weimarer Beiträge 65 (2019), S. 541–563

Phantomliteratur. Theorie und Praxis des Ungeschriebenen. In: Verhinderte Meisterwerke. Paderborn 2019, S. 13–39

Thomas Mann
& Klassische Moderne

Störenfriede. Poetik der Hybridisierung in Thomas Manns Zauberberg. Frankfurt a.M. 2015 (= Thomas-Mann-Studien 50)

Zwischen den Unterschieden. Eine politische Lektüre des Zauberbergs. In: Thomas Mann Jahrbuch 38 (2025), S. 55–74

Ehrenmännlein. In: Homme fragile. Männlichkeitsentwürfe in den Werken von Heinrich und Thomas Mann. Würzburg 2016, S. 213–232

Erotik, Krankheit, Schreiben: Narrative der Cholera im Tod in Venedig. Paderborn 2014, S. 49–70

„eindringlich betrachtet…“. Zur Erotisierung des Blicks in Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. In: Düsseldorfer Beiträge zur Thomas Mann-Forschung 2 (2013), S. 19–35

Heinrich von Kleist
& Goethezeit

Kleist-Preis (Koordination 2008–2021) · Kleist-Jahrbuch (Redaktion 2008–2021)“

„Fort“, Da. Substitution und Repräsentation in der Marquise von O…. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 135 (2016), S. 507–521

Das Instrument der Sünde. Jean Pauls Texte zur „Dumheit“. In: Die Sieben Todsünden. Hg. von Ingo Breuer, Sebastian Goth, Björn Moll und Martin Roussel. Paderborn 2015, S. 77–100

MIAMI
PUNK
Gegenwartsliteratur

Honigkomödie, Hundeprotokolle. Rincks Kippfiguren. In: Monika Rinck. Stuttgart 2023, S. 31–44

Kritik der Simulationen. Juan S. Guses Miami Punk. In: Zukunftswissen am Beispiel von Energieszenarien. Berlin 2023, S. 331–353 (mit Philipp Weber)

Achthunderttausend Seiten unter dem Werk. In: Vexierbilder. Autorinszenierungen von 1800 bis zur Gegenwart. Paderborn 2021, S. 147–170

„Europavergiftung“. In: Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Jahrbuch 16 (2017), S. 145–164

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Herausgeberschaften & Sonstiges

Die Sieben Todsünden. Paderborn 2015 (mit Ingo Breuer, Sebastian Goth und Martin Roussel)

Auf schwankendem Grund. Dekadenz und Tod im Venedig der Moderne. Paderborn 2014 (mit Sabine Meine, Günter Blamberger und Klaus Bergdolt)

Rezensionen in Arbitrium, Germanistik, Kleist-Jahrbuch, IASLonline u.a.

Vorträge auf nationalen und internationalen Konferenzen (Deutscher Germanistentag, German Studies Association, IVG).

Akademischer Werdegang

2019–2022Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ruhr-Universität Bochum
2015–2019Postdoc-Stipendium, Käte Hamburger Kolleg Morphomata, Universität zu KölnDFG-gefördertes internationales Forschungskolleg
2008–2022Koordination Kleist-Preis & Redaktion Kleist-Jahrbuch, Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft
2015–2020Mitarbeit Poetica-Festival, Universität zu Köln
2008–2015Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität zu Köln
2013Promotion, Universität zu Köln
2008Stipendium Washington University St. Louis
2002–2008Studium Germanistik & Komparatistik, Universität zu Köln

Lehrerfahrung

2008–2022Seminare an den Universitäten Köln und Bochum (BA und MA)Literaturgeschichte, Textanalyse, wissenschaftliches Schreiben
2017Gastdozentur Tokyo, Keio University (6 Wochen)
2018Gastdozentur Prag
2016Gastdozentur Budapest
2008Seminar Washington University St. Louis
FortbildungenE-Learning und Onlineredaktion · Kulturmanagement (Zertifikat)