Post-Postdoc-PTSD

Texte zum Leben nach der Uni-Karriere und der Odyssee auf dem Jobmarkt. Eine Fallgeschichte …


Jetzt bin ich Tellerwäscher, mit Doktortitel

Erstveröffentlichung in der ZEIT (Nr. 22/2026) →

Als vor sechs Jahren nach einer langen Zeit an der Universität erstmals mein Vertrag auslief, fragte ich ältere Kollegen, was aus jenen geworden war, die die Forschung hatten verlassen müssen. Von denen mit Staatsexamen wusste ich, dass sie den Weg in die Schule gesucht hatten; von den anderen fehlte jede Spur. Heute, vier Jahre nach dem Ende meiner letzten Befristung, weiß ich, was mit ihnen passiert, denn ich gehöre dazu: Ich, 43, arbeite als Küchenhilfe in einer Großküche und habe noch mehrere Nebenjobs. Ohne meine Partnerin, die als Lehrerin arbeitet, würde ich nicht über die Runden kommen.

Einst entschied ich mich aus Überzeugung und Leidenschaft für ein geisteswissenschaftliches Studium in einem großen Fach an einer großen Uni. Vor 20 Jahren suchte ich einen Job in der Forschung, wurde studentische Hilfskraft und später wissenschaftlicher Mitarbeiter, promovierte. Ich bereue es nicht. Mir als Bücherwurm-Erstakademiker vom Dorf kam es geradezu skandalös unwirklich vor, Artikel zu schreiben, zu Konferenzen zu reisen und Seminare zu geben. Ich habe meinen Job geliebt, und immer wenn ich nach meinem Traumjob gefragt wurde, sagte ich: »Der, den ich habe.«

Allerdings habe ich mich von gewissen Zeichen täuschen lassen, auch, wie ich heute einsehe, weil ich es wollte: Die wenigen Entfristungen von Kollegen im Mittelbau signalisierten keinen Richtungswechsel, sondern waren absolute Ausnahmen. Auf Strukturen, in denen Karrieren planbarer sind, wird man noch lange warten müssen – so oft sie auch versprochen werden. Das wichtigste Asset von Wissenschaftlern ist nicht fachliche Breite, sondern sind die Drittmittel, die sie einwerben. Zuletzt: Die Arbeit an der Universität wird außerhalb dieser zwar bewundert; aber geschätzt wird sie nicht.

Nun ist es normal, dass befristete Verträge enden, und es hat mich beim ersten Mal auch nicht beunruhigt: Ich konnte mich ein wenig sammeln, an der Forschung weiterarbeiten, Anträge schreiben, mich um ein Neugeborenes kümmern. Es fand sich dann ja auch eine neue Stelle. Als diese auslief, stieg meine Nervosität, und doch, es kam noch eine Stelle, wieder befristet … ja, und dann ist alles vorbei.

Doch das merkt man nur schleichend und retrospektiv: Die Befristungsobergrenze durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz kommt, wenn man sich ihr nähert, einem faktischen Berufsverbot gleich, niemand stellt einen mehr ein; man hofft auf ein Drittmittelprojekt, doch da sind die Stellen bereits unter der Hand vergeben. Man fragt Profs, ob man auf Arbeitslosengeld die Habil weiterschreiben soll. Sie raten ab und verweisen auf die große Konkurrenz und die insgesamt kleiner werdenden Etats.

Aber man will auch nicht ganz aufgeben, schreibt noch Artikel, um »einen Fuß in der Tür zu halten«, hofft weiter. Und zugleich wirft man sich in den Jobmarkt und ist dabei maximal orientierungslos, aber – anfangs noch – selbstbewusst. Diejenigen, die einem helfen könnten, ehemalige Kollegen und die Agentur für Arbeit, wissen nicht mehr als man selbst und sagen, dass man mit der Qualifikation schon etwas finden werde. Ein Wechsel nicht nur des Jobs, sondern der Karriere jedoch ist in einer Wirtschaftskrise in einem Land ohne verlässliche Infrastruktur (Kitas, Wohnungen, Bahnen) und mit kleinem Kind fast nicht zu bewältigen.

Die Zeit der Jobsuche unterliegt einer sonderbaren Zeitökonomie von Drängen und Ruhe. Es steht ja nichts an, und dennoch hat man keine Zeit: Man sucht eine Stelle, schreibt Bewerbungen, formuliert Lebensläufe, telefoniert mit potenziellen Arbeitgebern, erstellt Onlineprofile, recherchiert, bewirbt sich initiativ, berechnet Zeit- und Geldbudgets, bereitet sich auf Gespräche vor, führt diese (und merkt oft sofort, dass es schon jemanden gibt).

Man geht zu Jobmessen und erfährt, dass »wir Ihr Profil leider nicht suchen«, oder kommt zu einem Bewerbungsgespräch und wird begrüßt mit: »Sie könnten den Laden hier ja leiten, aber auf der ausgeschriebenen Stelle sehe ich Sie nicht.« Man hört den Satz: »Von der Papierlage her hat es eigentlich nicht gepasst, aber im Gespräch war es gut.« Man hört von derselben Person den Satz: »Das war ganz knapp, aber am Ende haben wir uns für die Person entschieden, die da mehr Erfahrung hat und sofort helfen kann.« Diesen Satz hört man überhaupt ziemlich oft. Oder man hört auch einfach nichts und muss dann selbst erraten, woran es gelegen haben könnte. Manchmal fühlt man sich wie auf dem Datingmarkt: vage Versprechungen, Ghosting und der Satz »Es liegt nicht an dir«.

So vergeht ein Jahr. Dann kommt das Ende des Arbeitslosengelds, man ist nun »langzeitarbeitslos«. Ab jetzt ist man auf dem Jobmarkt symbolisch tot. Es beginnt das Leben vom Ersparten. Man erfährt, dass man in einer »Bedarfsgemeinschaft« lebt, auch wenn man nicht verheiratet ist. Man bekommt gesagt, dass die Kitagebühren nicht als Ausgaben anerkannt werden, weil: »Wenn Sie arbeitslos sind, können Sie sich doch um das Kind kümmern.« Man stellt einen Wohngeldantrag und fragt sich, wie der Vermieter, der ja unterschreiben muss, wohl darauf reagiert. Man lebt vom Fonds, der mal die Rente werden sollte. Man beginnt zu streichen: Urlaube, Abos, Theater, Kino, Konzerte, Essengehen, Sportkurse. Die eigene Welt wird immer kleiner.

Man schaut sich breit um, wirklich breit, zieht Optionen in Betracht, die man ausgeschlossen hatte, wirkt dann aber nicht »authentisch«. Man meldet sich auf Ausschreibungen für Praktika und Volontariate und erfährt, dass man dafür zu alt sei. Man trauert Gesprächen nach oder dem Job, den man anfangs noch angeboten bekommen, aber aus logistischen und finanziellen Gründen abgesagt hatte. Man ärgert sich schrecklich über übersehene Stellen.

Man übernimmt Minijobs. Man erlebt, wie unfassbar schwierig es ist, in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu kommen. Man verliert sukzessive die Hoffnung, einmal etwas Passendes zu finden. Man entwickelt viel Scham: Scham, wenn Kunden denken, man sei der Chef, man aber nur der Typ ist, der nach ihnen die Tische wischt; Scham, wenn man auf den Erfolg anderer an der Uni neidisch ist; Scham, wenn man immer wieder hört: »So viel hat dir dein Studium doch nicht gebracht.« Scham, wenn man all seine Bekannten anschreiben und darum bitten muss, »an einen zu denken«, wenn sie was hören.

Man beginnt die Menschen zu verstehen, die nur ihren Körper zur Arbeit tragen und darauf hoffen, diesen unversehrt wieder mit zurücknehmen zu können. Man spürt, dass man für die Jobs, für die man früher infrage gekommen ist, nicht mehr infrage kommt: Man wurde von einer spannenden zu einer mutigen zu einer riskanten zu einer absurden Wahl.

Aber man war nie eine sichere Wahl, und mit der Zeit merkt man, wie wichtig das ist, denn der deutsche Jobmarkt ist ein Hofzeremoniell, das man immer erst hinterher versteht: Dinge stehen in Ausschreibungen, die dort stehen müssen, die aber für die konkrete Stelle, wie man dann im Gespräch erfährt, »eigentlich nicht gelten«, und zugleich gibt es formale Anforderungen, die einen, ungeachtet der eigenen Fähigkeiten, aus dem Rennen werfen: »Sie waren einer der besten Kandidaten, aber ich durfte Sie nicht einladen.«

Neben solchen aberwitzigen Regelungen wird die eigene Erwerbsbiografie von zwei weiteren Seiten delegitimiert: einerseits von den Entscheidern, die von »Fachkräftemangel« und »Jeder, der Arbeit sucht, findet eine« reden. Sie sind erfolgreich und arbeiten gerne, auch gerne viel, weil ihre Arbeit Teil einer sinnvollen Lebenserzählung ist. Andererseits von den Personen in Lohnarbeitsabhängigkeit, die behaupten, »das echte Leben« zu kennen. Bei ihnen muss Arbeit nerven und nach Erschöpfung aussehen.

Beide Seiten bedienen denselben Diskurs in unterschiedlichen Tonlagen: Nicht nur schätzen sie das Fachwissen, das man sich im Studium angeeignet hat, überhaupt nicht. Sie tun auch so, als ob man einfach nichts getan hätte, als ob einfach ein ganz langes Studium, das man sich irgendwie leisten konnte, an ein Ende gekommen wäre. Als ob all die Jahre, in denen man sich Strukturenverständnis, Lehrtechniken, Umgangsformen angeeignet hat, in denen man teilweise 60-Stunden-Wochen gearbeitet hat, in denen man Unsicherheit und emotionalen Stress ausgehalten hat, nie geschehen wären. Man kämpft infolgedessen auch dagegen an, zu verbittern.

Man lernt während der langen Phase der Arbeitssuche die Unmöglichkeit kennen, zugleich beruflich zufrieden zu sein, genug zu verdienen und dem Kind gerecht zu werden. Ein Mann von der Arbeitsagentur sagte zu mir: »Ihr Fall ist selten, aber nicht ganz einmalig. Ich hatte schon Leute wie Sie hier, Sie sind allerdings der erste Mann.« Die eigene Erfahrung lehrt einen, wer und was im Arbeitsdiskurs unsichtbar bleibt und dass in diesem Diskurs Erfolg vergesellschaftet (»in unserer Leistungsgesellschaft lässt sich alles erreichen«) und Misserfolg privatisiert wird (»du bist schuld an deiner Situation«). Ich habe auch zum ersten Mal bewusst klassenbedingte Vulnerabilität in meinem Leben wahrgenommen: Sowohl in der Uni als auch später bei der beruflichen Umorientierung macht es einen großen Unterschied, ob man ein Netzwerk hat, das einem einen Job verschafft, und ob man es sich leisten kann, eine befristete halbe Stelle am anderen Ende der Republik anzunehmen, oder nicht.

Ein zugleich erhellendes und erschütterndes Gespräch führte ich mit einem Bekannten, der kein Akademiker war, aber aus »der Wirtschaft« kam. Er stellte zwei Dinge heraus: dass erstens der Habitus, den die Uni einen lehrt und der dort Erfolg verspricht – Mitdenken, kritisches Hinterfragen, Sich-Einmischen, Neugierde –, in den meisten Arbeitskontexten als Sabotageversuch verstanden wird. Und dass zweitens selbst er, der mich kennt und schätzt, in seiner Funktion als Arbeitgeber gewisse Vorbehalte mir gegenüber hegen würde: gegen meine universitäre Prägung und das dort erworbene langsame, abwägende Arbeiten; meine recht hierarchiebefreite Arbeitserfahrung; mein Alter und die damit unterstellte geringere Bereitschaft zum Erwerb neuer (digitaler) Fertigkeiten; mein vorheriges Gehalt und die daraus resultierenden Lohnvorstellungen; meinen Doktortitel, der immer ein Problem in Hierarchien darstellen wird; meine eingeschränkte Flexibilität durch das Kind.

Ich habe später versucht, einige dieser Vorbehalte abzuräumen, indem ich schlecht bezahlte Jobs auf niedriger Hierarchiestufe zu familienunfreundlichen Konditionen gemacht habe. So wollte ich meine Leidensfähigkeit signalisieren – dies hat mir aber wohl eher geschadet: Von außen wirkte es, wie ich hörte, wie eine bewusste Selbstentwertung, es entfernte mich von dem Metier, in dem ich überhaupt Geltung besaß, und machte mich für Arbeitgeber unlesbar. Und mein Bekannter erwähnte noch etwas: Eine Stellenausschreibung signalisiert immer ein Rekrutierungsproblem – man hat bereits in seinem Netzwerk gesucht, ist aber zum Schluss gekommen, jemanden zu brauchen, der auch wirklich passe. Insofern sind in diesen Fällen Querschnittsprofile, wie sie die Uni produziert, meistens aussichtslos.

Wenn man so lange an einer Karriere gearbeitet hat und dann nicht mehr in seinem Feld weiterarbeiten kann, verliert man auch einen Teil seiner Identität. Es braucht also Trauerarbeit, um die Situation zu akzeptieren. Anfangs habe ich oft den Satz gehört: »Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf.« Aber das stimmt nicht. Man ist in einem Zimmer mit mehreren Türen, doch keine lässt sich mit den vorhandenen Schlüsseln öffnen. Und während man dies versucht, hört man die ganze Zeit über eingebaute Lautsprecher: »Irgendwann wirst du was finden.« – »Langsam müsstest du was finden.« – »Du stehst dir selbst im Weg.« – »Probier doch mal dieses oder jenes aus.«

Die eigene Aufgabe besteht nicht darin, wie man anfangs denken mag, gegen die Türen zu rennen, sondern einen Schlüssel zu feilen oder eine Tür in die Wand zu stemmen. Das dauert.

Mein Eindruck ist auch, da könnte ich jedoch irren, dass die Jobchancen für Geisteswissenschaftler immer dünner werden. Es gibt weder Jobs an der Uni noch in der Kulturbranche; der Bereich Text/Übersetzung wird von der KI gefressen; Verlage kriseln; der öffentliche Dienst ist überlaufen; die Chancen im Lehramt sind schlechter, als immer behauptet wird. Und der Einstieg in anderen Branchen scheint ausgeschlossen. Diejenigen Geisteswissenschaftler, die ich kenne und die in den letzten Jahren arbeitslos wurden, haben ihre neuen Jobs erst nach einer Umschulung gefunden.

Ist diese Entwicklung nun ein Produkt politischer Weichenstellung und damit korrigierbar? Ist sie eine Folge der Wirtschaftskrise und damit vorübergehend? Handelt es sich eher um eine obsolete Ausbildung, so wie es gewiss auch leidenschaftliche Scherenschleifer gab, die aufhören mussten, weil ihre Dienste nicht mehr gebraucht wurden? Oder sind die Geisteswissenschaftler nur die Grubenvögel, die als Erste die allgemeine Vergiftung des Arbeitsmarktes zu spüren bekommen, welche demnächst alle erreicht?

Fortsetzung folgt

Beobachtungen zum Leben in der Arbeitslosigkeit.