Post-Postdoc-PTSD
Die Insel der Arbeitslosigkeit
Doch wie komme ich darauf? Ich war nun einmal lange arbeitslos und konnte beobachten, dass viele Leute, die ich kannte, ebenfalls arbeitslos wurden. Anfangs war ich dabei noch alleine, jeweils zwei Mal ein halbes Jahr: In dieser Zeit hoffte ich noch auf eine Verlängerung meiner Uni-Karriere und hatte zwei Vorstellungsgespräche, von denen eines (an der Uni, das andere war in der Wissenschaftsverwaltung) glückte. Als ich dann zum dritten Mal arbeitslos wurde, hatte ich bereits eine kleine Kohorte um mich, mehrere Kollegen von der Universität.
Das ist jetzt ziemlich genau vier Jahre her: Eine Konferenz habe ich 2022 mit bittersüßen Gefühlen besucht: Ich leitete einerseits ein Panel, kannte viele Leute, fühlte mich etabliert; zugleich wusste ich, dass mit dem Ende der Konferenz mein letzter Arbeitsvertrag auslief und es war ziemlich klar, dass dies das Ende meiner akademischen Laufbahn bedeuten würde: Es gab weder eine Anschlussfinanzierung, also kein Stipendium o.Ä., noch eine Anschlussbeschäftigung noch und mein Guthaben an Wissenschaftsjahren war fast aufgebraucht.
Nur zur Erinnerung: Man darf ja nur 12 Jahre an der Uni beschäftigt sein, bevor man entfristet werden muss, da dies aber keine Uni bezahlen will, wird man nur bis zu dieser Grenze eingestellt. Man lebt also immer, wie ein Akku, ein Fernseher oder auch ein altes Hemd, in einem Zustand der Obsoleszenz: Ohne Entfristung wird man eines Tages aussortiert, weil man entweder überholt ist oder die Lagerungskosten zu hoch – oder, was neuerdings immer häufiger passiert: Die Institute werden schmaler und man muss sich von allem trennen, was nicht genau passt.
Insofern setzt man, wenn man eine wissenschaftliche Karriere verfolgt, immer die Existenz von Wundern voraus: Man weiß, dass man nicht zu den Entfristeten gehören wird, denkt andererseits aber dennoch, dass einem genau das, was so gut wie nie jemandem passiert, geschehen würde: Es wird eine göttliche Fügung sein, ein deus ex machina, der aus den Gewitterwolken herab- oder aus dem Boden heraufsteigt und mit Flammenschrift eine Entfristungsnote in den Arbeitsvertrag brennt oder die Geschäftsführung und Institutsleitung in so tolle Verzückung versetzt, dass sie dies an seiner statt tun.
Und dennoch spürte ich auf dem Univorplatz am Ende der Konferenz wohl zum allerersten Mal, dass es für mich möglich gewesen wäre, eine Professur zu bekommen. Es war schwer zu sagen, woran das lag, womöglich, weil ich mich etabliert fühlte. Aber es mag auch gut sein, dass in einer Art Totendelirium das halluzinatorische Gift der Universität ein letztes Mal in meinen Kopf einschoss.
Im Laufe der sich daran anschließenden Jahre wurde ich unabsichtlich zu einem Experten für Arbeitslosigkeit: Mich fragten regelmäßig arbeitslose Bekannte oder solche, die in die Arbeitslosigkeit zu rutschen drohten, nach Treffen und ließen sich von mir einen Lagebericht geben. So nett die Treffen waren, ich fühlte mich dabei jedoch immer wie der Bewohner eines exotischen armen Landes, in das Touristen kommen, die Zeit des Müßiggangs genießen, einige Reiseindrücke mitnehmen, und wieder gehen, während ich zu bleiben verdammt war.
Ungefähr ab März 2025 bemerkte ich jedoch eine Veränderung, die Besucher auf meinem Eiland wurden häufiger: Es begann zunächst mit meinem Job in der Gastronomie, den ich mittlerweile angetreten hatte, mit dessen Ende nicht nur ich, sondern auch meine Kollegen arbeitslos wurden. Im Laufe des Jahres zeigten sich weitere Omina: Im Sommer besuchte ich Berlin und passierte dort ein Taschengeschäft, das massive Rabatte anbot. Der Besitzer erzählte mir, dass er nächste Woche sein Geschäft nach 20 Jahren aufgeben müsse, die veränderten Bedingungen seiner Zulieferer machten es ihm unmöglich, rentabel zu bleiben. Kurz danach schloss ein Startup, bei dem ich einen Büroplatz angemietet hatte – es hatte sich erst kürzlich vergrößert, mussten sich dann aber der veränderten weltwirtschaftlichen Situation beugen. Kurz darauf wollte ich für Weihnachtseinkäufe in einen Schnapsladen gehen, auch dieser würde Ende des Jahres schließen. Wieder nur kurz danach erfuhr ich, dass die Auftragsflaute unter Tattoo-Artists hoch sei und es einige gebe, die sich wieder andere Hauptbeschäftigungen suchen mussten. Zuletzt kamen dann noch weitere Berufsgruppen dazu: Designer und Angestellte aus der Medienbranche.
Sicherlich könnte man dagegen zwei Dinge einwenden: Dass erstens meine Wahrnehmung besonders auf solche Schicksale gelenkt war, die ich vorher nicht gesehen hatte und dass zweitens all die von mir beschriebenen Arbeitslosen in Branchen arbeiten, die volatil sind: Die Medien- und Designbranche sind, spätestens seit dem Buchdruck, Änderung unterworfen und sowohl Tätowieren als auch Schnaps stellen Luxusgüter dar; auch Selbständige mussten immer wieder schließen, weil sich die ökonomischen Umweltbedingungen geändert hatten. Jedoch betraf die Epidemie des Jobverslusts nicht nur Selbständige, sondern auch Angestellte und die überall durch die Presse geisternden Entlassungsabsichtserklärungen festigten meinen Eindruck. Ich möchte mich allerdings nur ungerne jenem Doomsday-Diskurs anschließen, der die KI-, Digitalisierungs- und Wirtschaftsdebatten dominiert, alleine schon deshalb, weil ich die oft daraus abgeleiteten politischen Implikationen kurzsichtig finde.
Die insulare Position hat aber mindestens zwei Konsequenzen: Man fragt sich, wie man dort gelandet ist und man sieht Dinge von außerhalb – und deshalb vielleicht auch anders.