Post-Postdoc-PTSD

Die Germanistik als brennendes Schiff

Wie man auf diese Insel kommt: Als ich darüber nachdachte, wie und ob ich meine Karriere an der Uni weiterverfolgen sollte, sprach ich, wie bereits erwähnt, mit einigen ehemaligen Mitstreitern – Personen auf meiner Karrierestufe, aber vor allem mehreren Professorinnen und Professoren, die mehr Einblick in Strukturen hatten. Sie warnten mich vor den schrumpfenden Haushalten und wiesen mich darauf hin, dass man deshalb immer Drittmittel brauche, sich also selbst versorgen müsse, bevor man eine Anstellung erhält. Dies sei gewissermaßen die Pforte, die man durchschreiten müsse, um vom Post-Doc zum Prof zu werden. Es ist ja auch nicht das erste Mal im Laufe der akademischen Karriere: Man wirbt die ganze Zeit Stipendien ein, von Forschungsaufenthalten zu Reisekosten zu Schreibstipendien zu Druckkosten, die Auswahl der Geförderten wird nur immer exklusiver – und wenn man kein Stipendium erhält, kann es ein Zeichen dafür sein, dass das eigene Projekt nicht gut genug ist, es kann ein Zeichen dafür sein, dass man zufällig in der falschen Sitzung vorgestellt wurde, und es kann ein Zeichen dafür sein, dass das eigene Thema gerade nicht sonderlich beliebt ist. Jedenfalls: Man braucht diese Gelder, um überhaupt eine Stelle zu bekommen, zu jedem „Vorsingen“, so nennt man die Vorträge für Professuren, gehört eine Fragerunde zu Drittmitteln und man muss nicht nur zeigen, dass man welche eingenommen hat und auch wieder welche einnehmen könnte, im Idealfall hat man auch gerade welche, die man von der einen Uni an die andere herüberholen kann – denn dies nutzt den Unis natürlich im Wettbewerb um Sichtbarkeit und weitere Fördermittel.

Weil also weniger Geld da ist, Personen häufiger nicht weiterbeschäftigt werden und auch Professuren nicht nachbesetzt werden, meinte einer meiner Anrufer: „Die Institute sind untergehende Schiffe“. Ein anderer wiederum sagte zu mir: „Hier brennt die Luft“. Ich brachte die beiden Bilder zusammen und kam auf: „Die Germanistik ist ein brennendes Schiff.“ Und damit meine ich die akademische Germanistik als Berufsgermanistik und vor allem die Literaturwissenschaft.

Diese ist ein brennendes Schiff auf offener See mit wenig Rettungsbooten. Einige, die Germanisten, werden die Rettungsboote besteigen, in diesen auf Festland treffen, auf Kontinente, auf denen sie ihr Leben relativ normal weiterleben können und ein neues Schiff besteigen oder an Land bleiben können. Andere, die Wechsler, werden auf Inseln ankommen, dort neue Kulturen und Lebensweisen kennenlernen, an die sie sich gewöhnen müssen, aber auch sie werden mit der Zeit ein auskömmliches Leben finden. Weitere sind aufgrund ihres Status dazu verdammt, das Feuer löschen zu müssen. Das sind die Alten und die Jungen, die Professoren und diejenigen, die noch genug Vertragslaufzeit haben, aus Status und Kraft. Ob man es löschen kann? Man weiß es nicht. Wie das Schiff danach aussieht? Man weiß es nicht. Ist es danach überhaupt noch manövrierfähig? Wird es auf den Wellen treiben? Wird es die Möglichkeit geben, es danach zu reparieren? Das kann man noch nicht absehen.

Und dann gibt es noch jene, die keinen Platz auf den Rettungsbooten hatten, aber auch nicht auf dem Schiff bleiben konnten. Sie wurden auf die Planke gestellt oder sind in Panik gesprungen. Sie treiben im offenen Meer und müssen sich mit schwindenden Kräften der Willkür der Gezeiten hingeben. Sie hoffen darauf, dass irgendwann doch noch eine Insel auftaucht oder vielleicht ein anderes Schiff vorbeikommt, das sie aufnimmt. Vielleicht auch nur ein wenig Treibholz, das sie über Wasser hält, zumindest für eine kurze Zeit. Der Horizont ist einfach unendlich weit, ihnen bleibt nur die Hoffnung. Ich bin damals ins Wasser gesprungen und habe mich verzweifelt an Treibgut festgeklammert, an Artikel und Anträge, ohne dabei zu bemerken, dass dies ja selbst die Reste gekenterter Schiffe waren oder von diesen entsorgter Seewurf; ich habe mich an gewisse Hilfsjobs geklammert, in der Hoffnung, irgendwann wieder von einem Germanistenschiff aufgenommen zu werden, doch dieses Geisterschiff kam nie. Stattdessen wurde ich irgendwann angetrieben an eine Insel und bemerkte, dass ich jetzt richtig tief in der Arbeitslosigkeit angekommen bin.

Doch wieso heuert man eigentlich auf einem Schiff an? Schaut man sich die großen Schiffsromane an, etwa „Das Totenschiff“ oder „Moby-Dick“, so scheint es vor allem drei Gründe zu geben: Abenteuerlust, Verzweiflung und Leidenschaft. Ich habe wenige Leute gefunden, die es aus Abenteuerlust versuchten; im Studium traf ich hingegen auf ein paar, die es aus Verzweiflung taten, weil sie studieren wollten, aber nicht wussten, was. Bei mir war es, so dachte ich, die reine Leidenschaft, ich hätte von der Note her fast jedes Fach studieren können, und mich leitete die Überzeugung, dass man, wenn man in etwas wirklich gut und fleißig ist, auch in diesem Bereich einen Job bekommen wird (was ja auch viele Jahre geklappt hat). Was mich an der Literaturwissenschaft immer reizte, war, dass ich den Eindruck hatte, damit die DNA der Kultur zu untersuchen: In mir steckt auch ein Mathematiker und die Literaturwissenschaft muss, in meinen Augen mehr als jede andere Geisteswissenschaft, sich auf andere Disziplinen berufen, um ihre Gegenstände zu verstehen.

Wie auf allen Reisen bekommt man auch auf der MS Germanistik Meerwunder zu sehen und stößt in Bereiche der Welt vor, die man sonst wohl nie gesehen hätte: Ich konnte mich mit ungeheuer intelligenten und erfolgreichen und faszinierenden Menschen aus der ganzen Welt unterhalten; ich hatte Zeit, mich in wirklich komplizierte Gedankenwelten zu versetzen; mir war vergönnt, meine eigenen Ansichten zu hinterfragen und neue Überzeugungen zu gewinnen – gewiss, man begegnet auch dem ein oder anderen Seemonster, doch dies nimmt man hin. Jedoch, so wie Ishmael irgendwann merkt, dass er dem Bann und Charisma Ahabs ausgesetzt ist, spürte ich irgendwann, dass diese Reise nicht gut für mich ausgehen würde.

Zurückblickend habe ich deshalb den Eindruck, einen Teufelspakt eingegangen zu sein: In „Doktor Faustus“ schließt Adrian Leverkühn den Pakt mit dem Teufel in einem Zimmer in Palestrina, der Teufel verspricht ihm eine „teuflisch gute Zeit“, auch einige Qualen, aber dafür künstlerische Ekstase, allerdings sei dies auf 24 Jahre terminiert und er müsse. Diese Szene fiel mir ein, als ich daran dachte, wie ich damals, gerade aus dem Ausland zurückgekehrt, zu meiner Professorin ging und mich in ihrer Sprechstunde nach einer Hilfskraftstelle erkundigte.

Und das Leben danach glich auch einem Rausch. Denn was ist wissenschaftliches Arbeiten überhaupt? Dieses besteht anfangs vor allem aus Lesen, Diskutieren in Kolloquien und mit Kollegen, aus der Betreuung von Studierenden, der Recherche von Literatur, dem Kopieren und Scannen derselben, dem Konzipieren von Seminaren, dem Raussuchen dafür geeigneter Textstellen, deren Dosieren, Scannen, Hochladen, Einordnen und Kommentieren, aus dem Vorbereiten, Abhalten und Nachbereiten von Sitzungen und Sprechstunden, dem Konzipieren, Lesen und Bewerten von Klausuren und Hausarbeiten, dem Besuch von Gastvorträgen und (nationalen und internationalen), dem Verfassen von Vorträgen und Vorlesungen (Recherche, Lesen, Schreiben, PowerPoint, Vortragen, Diskussion). Dann kommt mit der Zeit noch mehr hinzu: Lehrevaluationen, Auslandsaufenhalte mitsamt der Bürokratie, Netzwerken, Aufbau von Kooperationen, Lektorat und Einrichtung von Aufsätzen und Bänden von einem selbst und von Vorgesetzten, Beantragen und Abrechnen dafür notwendiger Gelder. Außerdem noch dem Planen von Konferenzen samt Anfragen und Betreuen der Beitragenden, dem Schreiben von Artikeln und ihrem Anbieten bei Zeitschriften, der immer notwendigen Umarbeitung, dem Bewerten und Begutachten fremder Artikel, dem Verfassen von Gutachten für Studierende (oft unter Zeitdruck), der Gremienarbeit (Vorbereiten, Dabeisein, Reagieren, Abstimmen, im richtigen Moment Wachsein, die richtigen Fragen Stellen, Nachbereiten), dem Suchen und Beantragen von Drittmitteln (Passendes Heraussuchen, Kriterien Lesen und Verstehen, sich Betreuung Suchen, das eigene Vorhaben an die Antragsformalitäten Anpassen und, wenn es klappt, sich um eine Vertretung Bemühen), Karrieregespräche mit dem Vorgesetzten, Entwickeln von Jobstrategien. Und dann kommt noch der ganze Bereich Outreach: Strategien der Wissenschaftsvermittlung, Konzepte, Planungstreffen, die eigentlichen Veranstaltungen.

Es ist wirklich viel, aber ich habe die Forschung und Wissenschaft unglaublich gerne gemacht, wirklich geliebt. Ich habe sie so gerne gemacht, dass auch jene nervigen Aufgaben gegen den gleichsam unendlichen Wert der Hauptarbeit verblassten. Mir fehlte es weniger an Feuer, sondern am Selbstbewusstsein und vor allem dem politischen Instinkt und die Skrupellosigkeit, die es braucht, wenn man sich in einem Feld bewegt, in dem es sehr wenige Stellen gibt. Ich habe allerdings auch bewusst versucht, eine kooperativere Kultur zu etablieren, denn ich sah es eher so, dass ich endlich Leute gefunden hatte, mit denen ich Interessen teilte und weniger die Konkurrenz, aber viele andere sahen in der Professur vor allem einen guten Job.

Denn das ist ja die Besonderheit der Stellen an der Uni, sie verbinden das Beste zweier Welten: Da wäre einerseits die Selbständigkeit: Man ist in jeglicher Hinsicht sein eigener Herr, bestimmt selbst über seine Arbeitszeiten und muss bis auf die wenigen Pflichttermine nicht vor Ort sein, man kann deshalb auch wohnen, wo man will, man kann sich mit den Themen beschäftigen, die man möchte, die eigene Arbeit wird auch nur ganz selten überprüft, es gibt keine einheitlichen Standards für Prüfungen und lose Absprachen für Seminare, man ist also extrem frei – auch in der Gestaltung der Privatzeit, etwa für Urlaube oder Arzttermine. Dabei muss man aber kein unternehmerisches Risiko tragen, man verdient ziemlich gut, hat aber, weil man so viel arbeitet, auch immer das Gefühl, zu wenig zu verdienen und fühlt sich damit allen anderen Angestellten nahe, man hat auch einen Chef, über den man sich ärgern kann, nämlich den Rektor/den Dekan/die Verwaltung, doch es gibt 30 Urlaubstage plus den 24. und 31.12. und so richtig genau guckt da auch keiner drauf, wie und wann man Urlaub macht, oft zieht man sich auch für zwei Monate in den Semesterferien zurück, um zu schreiben.

Und heutzutage werden beide Seiten attackiert: Es gibt mehr Überprüfung der Leistungen, was zu neuen (absurderweise oft unbefristeten) Stellen in der Uni-Verwaltung führt und zu Mehraufwand bei den Dozierenden. Das Job-Risiko tritt immer stärker ins Bewusstsein durch mehr und kürzere Verträge. Und man muss sich mehr Venture-Kapital besorgen, also die eigene Forschung vor allem fremdfinanzieren. Oft genug werden auch nur halbe Stellen ausgeschrieben und nur die Arbeit für das Funktionieren der Uni bezahlt, aber eben nicht die Forschung, die doch das eigentliche Tun der Wissenschaftler darstellt, das ist Privatvergnügen, für das man andere Sponsoren finden soll. Ich fand das Leben an der Uni immer traumhaft, wunderte mich aber über Personen, die darauf Anspruch erhoben, weil es eben doch eine Ausnahmesituation darstellte. Aber in diesen Personen schien das Rauschgift der Universität bereits überhand genommen zu haben.

Den Ausdruck „Gift der Universität“ habe ich bei einem ehemaligen Kollegen gehört, der genau damit versuchte zu beschreiben, wie die Uni durch ihre – wie ich allerdings finde: oft notwendige – Weltenthobenheit einen abhängig macht und man Jahre benötigt, um sich davon zu lösen und oft, wenn sich ein kleines Fenster auftut, sich dieser Versuchung hingibt. Und wie bei allen Abhängigkeiten gibt es jene, die sich mit Schimpf und Schande von ihrem Suchtmittel abgewandt haben, dann gibt es jene, die es wieder probieren und merken, dass es ihnen nicht mehr schmeckt und dann gibt es diejenigen, die sofort wieder süchtig werden.

Ich gehöre wohl zu der letzten Kategorie, auf gewisse Weise ist dieser Text hier auch Ausdruck meiner Sucht. Ich vermute, dass meine Disposition darauf beruht, dass die Uni mir noch etwas neben der Forschung bot, etwas Faustisches, nämlich „Die große Welt“: Ich konnte mich mit Kulturgrößen beschäftigen und mich jahrhundertalten Fragen widmen, außerdem traf ich Personen des öffentlichen Lebens und besuchte Orte auf unterschiedlichen Kontinenten. Und auf eine gewisse Weise schien durch die Tatsache, dass ich mich damit beschäftigen konnte und nicht dem Schmutz der Realität ausgesetzt war, dem Geldverdienen, den Gehässigkeiten der Welt, den nervigen Kollegen usw. auch ein Abglanz dieser Welt auf mich zu fallen.

Somit hatte ich die gleiche Erfahrung wie ein Seefahrer, fühlte mich aber nie wie einer, sondern mehr wie ein Arzt oder Forscher, der eher zufällig mit an Bord ist. Diese innere Trennung von der eigenen Situation und ihren Risiken ist notwendig, um die Reise überhaupt anzutreten, aber so verdrängt man auch, dass man nun einmal auf eine Abenteuerexpedition aufgebrochen ist – dass nach 20 Jahren der Ekstase von Immatrikulation bis endgültigem Vertragsende vier Jahre im Jammertal folgen sollten, konnte ich mir dennoch nicht ausmalen.

Fortsetzung

Das Narrenschiff

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