Essay

Was Foucault für mich bedeutet

Heißt es „für mich“ oder „mir“? Und was bedeutet eigentlich „bedeutet“?

Persönlich bedeutet Foucault mir wenig, zumindest weniger als anderen Leuten, vermute ich. Die Phrase „für mich“ schiebt ihn allerdings aus der Sphäre des Persönlichen oder der Persönlichkeit ins Zeichenhafte. Und als Zeichen bedeutet Foucault mir ungeheuer viel. Ich nutzte ihn als einen doppelten Marker, der zeigen sollte, dass ich sowohl mit den Mysterien der Kulturwissenschaft vertraut war als auch weltoffen genug, meine Meinung zu ändern.

Denn als ich zum ersten Mal mit Foucault zu tun hatte, reagierte ich recht kölsch: „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.“ Ich hatte doch Literaturwissenschaft studiert, um Literatur zu lesen und zu lernen, wie man die Bedeutung aus literarischen Texten herausschält und nun musste ich mich mit Theorie beschäftigen. Mein Eindruck war zunächst nicht, dadurch etwas Neues zu lernen, sondern dass etwas recht Einfaches (es gibt Autor*innen, die Texte schreiben und dann gibt es noch die Texte) unnötig kompliziert gemacht wurde (Stichwort „Autorfunktion“). Literatur war für mich Literatur und Philosophie Philosophie so wie Geschichte Geschichte war oder Soziologie Soziologie. Diesen ganzen Bereich der Theorie, der keine Philosophie war und irgendwo doch, verstand ich nicht und er wirkte auf mich zugleich exklusiv und beliebig. Es war uns Magister-Studierenden ja auch wichtig, weshalb man ein Fach studierte, in meinem Fall eben aus Faszination für die Literatur, denn das karriereorientierte Studieren mit konkreten Berufsaussichten oder in den Spuren von Mama und Papa überließ man den Wirtschaftswissenschaftler*innen, Jurist*innen und Lehrämtler*innen. Dass Foucault die Person sein würde, mit der ich meine Phantasien von Reinheit und Vermischung erklären könnte, ahnte ich damals natürlich noch nicht. Und die Tatsache, dass ich ihn lesen und verstehen musste, wirkte auf mich wie eine Schikane, mit der eine Gemeinde von Literaturwissenschaftler*innen versuchte, sich abzukapseln.

Auf eine gewisse Weise glaube ich das bis heute, doch wie jeder wissbegierige Zögling lernte ich die Unterdrückung zu lieben, spürte aber in mir noch Reflexe des Widerstands aufblitzen. Doch gab es im Laufe der Zeit Texte, die ich las und die mir wirklich halfen, bei denen ich endlich sehen konnte, wofür all das nützlich war, Die Anormalen war so ein Text, Das Leben der infamen Menschen ebenso, Die Versuchung des Heiligen Antonius lernte ich über Foucault kennen und empfahl die Erzählung (erfolglos) einem Freund. Später musste ich Foucault häufiger verteidigen: Im Seminar gegen Studierende wie mich, die das Gefühl hatten, auf einen Abweg geführt zu werden und denen ich zeigen musste, dass dieser Weg durch das Gestrüpp des Unverständnisses zu einem noch prunkvolleren Tor der Literaturwissenschaft führte. Und im Alltag gegen Fans, die ich der Unterkomplexität bezichtigte, auch deshalb, weil ich das Gefühl hatte, selbst immer ein wenig unterkomplex mit Foucault umgegangen zu sein. Hatte er doch so viele Instrumente geliefert, um überall in der Welt verborgene Machtstrukturen zu entdecken, dass ich in seinem Namen die wildesten Anklagen hören musste, die jedoch dabei immer den genialen Zug seiner Theorie ausblendeten, die nämlich überall nur Macht sahen, aber nicht, dass jeder Unterdrückung ein Angebot innewohnt, dass also das Sub-jekt, also das ‚Unterworfene‘ sich als vollständig und frei empfindet in der Unterordnung unter die Macht – so wie auch ich die Möglichkeit fand, mich als ‚echter‘ Wissenschaftler zu sehen, indem ich mich der Pflicht, Theorie zu lernen, ergab. Zugleich sah ich die Auseinandersetzung mit Foucault immer als eine Erfahrung mit dem Ursprung der Philosophie, wie etwa beim Höhlengleichnis, wo man eingesehen hat, dass alle Gewissheiten bislang falsch waren und dahinter nicht mehr zurückgehen kann, sich vielmehr stets hinterfragen muss. Foucaults Ideen sind ein Skalpell, mit dem er in der Lage war, unzertrennbar erscheinende Dinge zu sezieren, doch in der Hand eines oder einer Ungeübten oder Grobmotorischen oder Verwirrten werden sie schnell zur Mordwaffe.

Aus dieser Angst, etwas falsch zu machen, habe ich mich auch nie an Foucault herangetraut, außer, wenn es wichtig oder notwendig war – so bei meiner Abschlussarbeit, bei der ich zeigen musste, dass ich bereit war, mich an den Werkzeugen der Profis zu versuchen. Foucault stand einem auch gut, wenn man zeigen wollte, dass man ein höhergestellter Student ist, Student noch, aber auch schon Hilfskraft und man das Wort „Diskurs“ benutzte, aber gewählter als die anderen Studierenden. Hier konnte mir Foucault, dessen Gestalt mit der Glatze und dem Rollkragenpullover auch stets etwas Phallisches hatte, zum Signifikanten der Macht werden.

Meine Scheu, ihn anzuwenden, kam aber daher, dass ich ihn nicht recht verstand und auch nicht wusste, ob man das konnte: Ich hatte in Texten positivistisches Wissen gesucht und fand nur wenig handfeste übertragbare Thesen, stattdessen eine Initiation in Gedanken und Methoden. Wie oft saß ich bei der Lektüre vor der Ordnung der Dinge und fragte mich: „Das ist also Wissenschaft?“ Da gab es Schlussfolgerungen aus einer einzigen abgelegenen Quelle, es gab metaphorisches, fast lyrisches, Schreiben, es gab diese wahnsinnig großen, nahezu unbeweisbaren, Thesen und die Behauptung, dass Sprache nie präzise sein kann.

Für mich kam mit Foucault deshalb auch etwas Neues in die Welt, dessen Existenz ich vorher nicht erahnt hatte, nämlich die Scharlatanerie in der Wissenschaft. Gewiss, Scharlatane hat es oft gegeben, insbesondere in der Gestalt von Quacksalbern, die auch irgendwann aufgeflogen waren, da es eine Möglichkeit gegeben hatte, ihre Behauptungen zu falsifizieren. Bis dahin hatte ich also an einen akademischen Manichäismus geglaubt, bei dem die guten Wissenschaftler*innen alle an der Uni arbeiten würden und die schlechten nicht. Doch das schien mir, nachdem ich ihn und viele seiner Adept*innen gelesen hatte, nicht mehr der Fall zu sein und über allem, was ich forthin lesen sollte, hingen die Gewitterwolken des Betrugs. Dadurch sah ich aber auch ein, dass die Wissenschaft zu einem großen Teil aus Rhetorik besteht und erlebte selbst, was Foucault als Erkenntnis in die Wissenschaft gebracht hatte. Ich betrat eine Welt der Wissenschaft, in der die häufigsten Vokabeln „gewissermaßen“, „sozusagen“ und „wenn man so will“ sind und wo alles so ein bisschen stimmt, zumindest wenn man gewisse Vorannahmen annimmt, deren Hinfälligkeit jedoch nichts an der finalen These ändert. Und so wie „Diskurs“ oder „Dispositiv“ zum Schibboleth der Kulturwissenschaften wurde, war die „Rhetorizität der Wissenschaft“ dann, wenn man nicht nur über sie schrieb, sondern sie selbst behauptete, mit einem Tabu belegt.

Foucault war für mich also doppelt: Seine Bücher waren die hermetischen Schriften, die meinen Traum am Leben erhielten, es könne eine Geisteswissenschaft geben, die sich zur Kultur verhält wie die Biologie zur Natur: Die sie auseinandernehmen und klassifizieren und bis auf die DNA hinabschauen könne; doch die „Autorfunktion“ Foucault war für mich, was Kant für Kleist war – die große Krisis meines Lebens, die (mit ein wenig literarischer Vorbildung muss man sagen: natürlich) dann eintraf, als ich das Gefühl hatte, dazuzugehören.

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