Post-Postdoc-PTSD

Charlus, Kohlhaas, Crusoe

Ich war also vor beidem nicht gefeit, weder vor der Hochnäsigkeit noch vor dem Hochstaplersyndrom, das gerade in Wissensberufen grassiert.

Und daraus entsteht ein Problem: Wenn für einen diese Weltfremdheit, die, ich wiederhole es nochmals, für die Arbeit an der Uni teilweise ganz sinnvoll ist, die aber auch auf das immanente Leben abstrahlt, normal geworden ist, wird es ungeheuer schwierig, in die nicht-akademische Berufswelt einzusteigen, weil man sich in so vielen Bereichen umstellen muss, alleine auch deshalb, weil die Werte der Uni, wie ich anfangs schrieb, außerhalb dieser eher als Sabotage aufgefasst werden. Und damit gibt es letztlich drei Entwicklungsstufen, die man durchläuft: Da gibt es die Abgehobenheit, wo einem die Jobs alle ein bisschen zu blöd sind; dann kommt die versuchte Anpassung, der aber keine Anerkennung entgegentritt; und dann der Absturz und man führt ein Leben als Schatten, man wird vom Charlus in „Sodom und Gomorrha“ zum Charlus der „Wiedergefundenen Zeit“, vom Salonlöwen zum blinden tatterigen Greis.

Und das macht einen wahnsinnig, also mich machte es rasend. Da spielte viel hinein, aber irgendwann erzeugte es bei mir einen kohlhaasischen Zorn vor so viel Ungerechtigkeit in der Welt, da diese nicht nur meine Arbeit als Wissenschaftler abtat, sondern auch noch so tat, als ob ich nie gearbeitet hätte und dann auch noch kritisierte, dass ich zu gut war und zu viel Erfahrungen hatte. Und dennoch wurde die ganze Zeit heuchlerisch gepredigt, dass man nur gut sein müsse, um zum Erfolg zu kommen und jeder Job Aufopferungsbereitschaft und vollen Einsatz belohne.

Dieser Zorn hatte keine Richtung, denn, wie im vorherigen Artikel erwähnt, weiß man ja nicht, wer dafür verantwortlich ist, weil die Verantwortungsdiffusion die Methode der Disziplinierung darstellt. Deshalb konnte er von allem ausgelöst werden: Von Wissenschaftlern, die ich im Fernsehen sah; Studien, von denen ich im Radio hörte; Politikern, über die ich in der Zeitung las; ehemaligen Kollegen, denen ich auf der Straße begegnete; Unigebäuden, die ich auf Bildern sah; Büchern, die mir im Buchladen begegneten. Die ganze Welt konnte zum Trigger werden und dies war natürlich ein grauenvoller Zustand, denn in jedem Ding schlummert ein Agent der eigenen Herabwürdigung und man gibt diesem Ding die Macht, es zu sein, weil man eben noch immer süchtig ist nach diesem Leben, dieser Welt.

In dieser Wut auf die Institutionen lebt auch eine verletzte Männlichkeit, eine Männlichkeit, die, wie etwa Heinz Helle in „Prisma Bros“ beschreibt, von dem „nur halbherzig verdrängten Glauben [lebt], eigentlich zu etwas Höherem berufen zu sein, zu etwas Wichtigerem, Würdigerem, Lukrativerem, zu etwas Geilerem“. Und ich, der ich mich immer als ‚softer‘ Mann gesehen habe, musste auch diese Facette von mir erkennen.

Doch was bleibt einem da übrig mit diesem ganzen Wust an energiefressenden Emotionen? Therapie gewiss, aber was macht man da? Daniel Defoe hatte 1697 eine Antwort: Menschen in Notlage hätten drei Optionen, sich daraus zu befreuen, nämlich Verbrechen, Suizid oder Projektemachen. Defoe, der sich selbst in einem „Zeitalter des Projektmachens“ sah und auch eigene wirtschaftliche Unternehmungen verfolgte, unterschied zwischen guten und schlechten, ehrhaften und ehrlosen, Personen, die sich Erfindungen und Pläne erdachten: Während die einen ernsthafte, gut durchdachte Konzepte vertreten, an die sie selbst glauben, bauen die anderen nur Wolkenschlösser, um die eigene Versorgung zu sichern. Und natürlich gibt es einen berühmten Projektemacher bei Defoe, den Prototyp des Aufklärungsmenschen, nämlich Robinson Crusoe. Immer wieder wurde diese Person dazu herangezogen, um zu zeigen, wie ein Mensch aus eigener Kraft, mit Entschlossenheit, Kreativität und Geschick sich aus einer misslichen Lage befreien kann. Es gibt ein eigenes Genre der Robinsonaden, das bis heute wirkt, ich habe letztens „Margo‘s Got Money Troubles“ gesehen und auch Margo ist ein moderner Robinson, der mit Leidenschaft und Geschäftssinn die Chance einer schwierigen Lebenssituation erkennt und ergreift.

Man hat hingegen erstmal keine Ahnung, wie man das bewerkstelligen soll, wirft sich hinein, versucht es fieberhaft und systematisch, hält durch, hat kleine Erfolge, aber keine durchschlagenden, andere können nicht helfen, man geht also nochmal zurück, sucht wieder nach Jobs und verdurstet und verhungert wie Tantalus zwischen zwei unerreichbaren Optionen. Und je mehr man sich befragt, kommt man immer zu denselben Fragen: Habe ich diese eine Sache übersehen, die meinen Erfolg bedeutet hätte? Gibt es diesen einen blinden Fleck, an dem es lag? Fehlte diese eine Person, deren entscheidender Ratschlag mir den Erfolg versichert hätte? Liegt es an einer persönlichen Konstitution oder an der Herkunft und wie gehört das zusammen? Dies ist dieser ganze Komplex Klasse und die Frage der verinnerlichten Gewissheit, was einem zusteht. Das klingt aber auch immer ein bisschen nach Ausrede.

In dieser Zeit las ich ein exzellentes Buch, „Prekäres Wissen“ von Martin Mulsow, der die Schicksale eher unbekannter Intellektueller im 18. Jahrhundert beschrieb und es zeigte sich für mich, dass diese Projektemacher eben keine Glücksritter waren, die die Goldgräberstimmung des Frühkolonialismus für sich nutzen wollten und auch keine verkrachten Wissenschaftler, die etwa Anhänger von Paracelsus waren und deshalb die Uni verlassen mussten, sondern einfach Personen, die es nicht geschafft hatten, eine Stelle an der Uni zu bekommen und versuchten, den Anschluss zu halten, Personen, die irgendwo an der Peripherie arbeiten mussten und durch Briefnetzwerke weiterhin am Forschungsleben teilhaben (und sich in Erinnerung halten) wollten oder auch Personen, die Hauslehrerstellen hatten annehmen müssen und deren Projekte ein Versuch waren, sich weiterhin mit ihrem eigentlichen Interesse zu beschäftigen. Und diese Personen mussten sich darauf verlassen, dass mit ihren Unterlagen sorgsam umgegangen wird, ihnen fehlte ja die institutionelle Rückendeckung – was nicht immer geschah. Jedenfalls beruhigte es mich ein wenig, dass die Geschichte der Gelehrsamkeit angefüllt ist mit in der Böschung hängenden halb hinaus- und hineinragenden Gestalten und dass in jeder gelungenen Gelehrtenbiographie eine gescheiterte aufgehoben ist.

Es liegt also Trost in diesen Exempla und weitere moralische Erzählungen halfen mir bei der Verarbeitung meiner Lage, nämlich all jene Geschichten von Has-Beens, denn auch als Wissenschaftler kann man in die Lage geraten, in die ein Musiker, ein Sportler oder auch ein Schauspieler geraten kann: Man hat die Wahl, ob man mit den immer gleichen Songs die immer gleichen Bühnen bespielt bis man irgendwann bei den kleinsten Klitschen angekommen ist, oder ob man sich umorientiert und etwas Neues versucht. Doch natürlich steckt auch in der Umorientierung das latente Versprechen des Comebacks und damit eine gewisse Gefahr des Rückfalls.

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