Post-Postdoc-PTSD

Das Narrenschiff

Wir Forscher wissen also eigentlich, was uns geschehen wird, machen aber trotzdem weiter, wir sind Süchtige und Narren. Die Plötzlichkeit, mit der das Ende kommt, schockiert nur deshalb so sehr, weil man sich selbst als besonders gesehen haben muss, als jemand, für den die Regeln der Masse nicht gelten.

Als ich letztens meine Mails durchging, stieß ich auf eine im Jahr 2010 (!) erhaltene. Ich war damals Promotionsstipendiat und ein Mitstipendiat verwies darin auf einen SZ-Artikel, der sich wiederum auf eine Studie bezog, in der stand: „Aufgrund der eingeschränkten Chancen, eine Dauerstelle an einer Hochschule oder außeruniversitären Forschungseinrichtung zu erhalten, sollten sich Nachwuchswissenschaftler(innen) möglichst frühzeitig Klarheit über die Bedingungen und individuellen Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Karriere in ihrem Fach verschaffen. […] So ließe sich vermeiden, dass Nachwuchswissenschaftler(innen) nach Jahren in der Wissenschaft beruflich in eine Sackgasse geraten oder sich gezwungen sehen, ihre wissenschaftliche Karriere im Ausland fortzusetzen.“

In den letzten 16 Jahren sind unzählige Dinge geschehen, aber wirklich getan hat sich nichts. Ich war tatsächlich nie ein großer Gegner des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, ich verstehe durchaus, dass die Unis versuchen wollen, immer neue Forschungsimpulse und neue Blickwinkel zuzulassen, aber zugleich ist es auch Unsinn, wieviel Wissen jedes Jahr an der Uni verbrannt wird, indem Personen, die dort über ein Jahrzehnt gearbeitet haben, ohne Not rausgeworfen werden. Das Problem der Entfristung besteht aber eben im Dilemma aller Meritokratie: Die Leistungserzählung trägt immer nur zu einem gewissen Punkt, danach spielen auch andere Faktoren hinein, die oft in der Person der Entscheider verborgen sind und beispielsweise den Habitus der Sich-Bewerbenden betreffen oder die Sorge um die eigene Position im Haus. Und da, wie ich ja im vorherigen Text ausgeführt habe, die Aufgabenbeschreibungen und damit Stellenanforderungen an der Uni so ungeheuer vielfältig sind, wird man in jeder Bewerbung ein Defizit entdecken, das ein Kommissionsmitglied zu Ungunsten dieser Person wenden kann.

Wie schwierig die Jobsituation für Uni-Angestellte ist, hat die Studie „Arbeiten unter dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz: Ein Sittengemälde“ von Roland Bloch und Mathias Kuhnt noch einmal ausgeführt und man muss hier eigentlich nur die Überschriften lesen und bekommt schon einen Schauer: „Keine Strukturierung von Karrierewegen, Unklarer Qualifizierungsbegriff, Willkürliche Personalauswahl und Entscheidungen über Karriereaufstieg, Zu wenig dauerhafte Positionen als wissenschaftliche Mitarbeiter:innen und Professor:innen, Erzwungener Exit aus dem Wissenschaftssystem, Mobilitätszwang, Migration, Fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit akademischen Karrieren, Fehlende Informationen, Willkürliche Einstufung, Unzureichende Finanzierung“ (zur Studie).

Zum Punkt „Fehlende Expertise (Verwaltung)“ habe ich noch eine Anekdote zu den unzähligen wertvollen bei Bloch und Kuhnt beizusteuern: Als ich an eine neue Uni kam, im gleichen Bundesland, geschahen zwei, in meinen Augen skandalöse, Dinge. Zunächst zog sich die Einstellung viel zu lange und zwar deshalb, weil die Person in der Verwaltung überfordert war von meinen Unterlagen. Mir wurde eine Liste gegeben mit notwendigen Dokumenten, die ich innerhalb einer Woche einzureichen hatte. Sie summierten sich auf über 100 Seiten. Ein Großteil davon waren meine Arbeitsverträge, die seit meiner Ersteinstellung an der Uni ja immer nur stückchenweise verlängert worden waren. Die Person in der Verwaltung machte mir die Menge an eingereichten Unterlagen explizit zum Vorwurf, während ich ihr erwiderte, dass dies ja wohl eher ein Problem des Uni-Systems, das sie auch vertrete, darstelle. Jedenfalls dauerte die Einstufung und Einstellung so lange, dass ich nicht rechtzeitig eingestellt wurde und ich am Ende statt 12 Monaten nur 11,5 angestellt war. Es wurde natürlich dennoch davon ausgegangen, dass ich mein Seminar bespiele (die Vorbereitung wurde nur nicht bezahlt) und, was noch schlimmer war, durch die fehlenden zwei Wochen fehlten mir mehrere Monate ALG. Hinzu kam, dass ich niedriger im Tarif eingestuft wurde, aber nicht einfach nur ein bisschen niedriger, sondern zwei Stufen niedriger, oder, sagen wir es anders: 10 Jahre niedriger! Und dabei entsprach meine neue Arbeitsbeschreibung meiner alten fast wortgenau. Ich rief also bei der Gewerkschaft an und mein Betreuer erwähnte mir gegenüber, dass die Chancen für ein erfolgreiches Verfahren gar nicht so schlecht stünden und dass ich damit vielleicht ein Präzedenzfall schaffen würde für zukünftige Wissenschaftler, ich würde aber nichts davon haben außer Prozesskosten und Zeitverlust.

Und obwohl jeder, den ich kenne, mindestens eine Geschichten dieser Art erzählen kann, die einem oder Kollegen geschehen sind, obwohl wir also diese Geschichten kennen und selbst erleben, bleiben wir auf dem Schiff. Man muss sich nur das „Sittengemälde“ von Bloch und Kuhnt durchlesen und kann nur den Kopf darüber schütteln, wie flächendeckend diese letztlich willkürlichen, intransparenten und auch ein wenig dilettantischen Vorgehensweisen verbreitet sind. Häufig fragte ich mich, ob die Annahme einer Strategie nicht eine unnötige Aufwertung darstelle: Es gibt nicht den Plan eines politisch-universitären Komplexes, hochintelligente und -motivierte Personen so lang wie möglich unter so großer Unsicherheit arbeiten zu lassen, um sie auszupressen, bis sie das System erschöpft verlassen oder einen Platz darin finden und aus Dankbarkeit keine Veränderung anstreben, sondern vielmehr eine bewusste Verweigerung von Verantwortung, die zu einer unentwegten Flickschusterei führt – oder, wie in der Studie steht: „Dass recht allgemein von politischer Verantwortungslosigkeit die Rede ist, zeigt auch, dass für die Befragten unklar ist, an wen sie ihre Kritik richten sollen. Sind es die Universitäten, ihre Verwaltungen, Fachbereiche und Professuren, oder die Hochschulpolitik, die eine Änderung der Zustände herbeiführen könnten?“

Und vielleicht liegt es daran, oder auch daran, dass wir selbst sehen, wie um uns herum sehr gute Leute die Uni verlassen müssen und wie Personen, die nicht gut sind, aufsteigen und sogar Professuren erhalten, vielleicht ist es aber auch die Beschäftigung mit den Themen der Kunst und Theorie oder es ist eine Art Trotzhaltung gegen die permanenten Unkenrufe von Personen außerhalb der Wissenschaft, die den Elfenbeinturm beschwören: Auf diesem Schiff selbst werden wir auch zu Narren erzogen.

Denn zum einen erlebt man, es fiel mir lange schwer, dies zu sagen, wie oft einfach Fragwürdiges abgefeiert wird: Dinge, die undurchdacht sind, basalen Gesetzen der Logik nicht gehorchen oder allen bekannte Banalitäten getragen deklamieren. Und es gibt im Fach die Vereinbarung, das wertzuschätzen und die Illusion mitzutragen. Ja, hinzu kommt, dass dies nicht nur eine Benimmregel innerhalb des Faches in der Halböffentlichkeit ist, denn mit Publikum von außen kommt es schnell dazu, dass die eigene Tätigkeit als Dienst an der Kultur überhöht wird. Zugleich werden Meinungen, je nachdem aus wessen Mund sie kommen, geradezu kultisch gefeiert und neue Ansätze mit Trittbrettfahrerverzweiflung bespielt. Und noch etwas kommt hinzu: Die Dinge wiederholen sich, die Themen der Konferenzen sind oft sehr ähnlich und scheinen Konjunkturzyklen zu folgen, ähnlich jenen Periodischen Zikaden, die im Abstand einiger Jahre alles abgrasen und dann wieder verschwinden. Auf eine gewisse Weise ist dies aber auch verständlich: Neue Forschende wollen sich in Themen probieren und alte können ihre Expertise noch einmal hervorkehren, dennoch machte das Fach auf mich beizeiten einen sklerotischen Eindruck.

Ich habe natürlich mit Kollegen darüber gesprochen und kam dabei zu der Einsicht, dass Forschung sich inkrementell steigert, d.h. dass gewisse Argumente für neue Generationen wieder aufbereitet werden müssen, damit diese sie erstmals kennenlernen und aufnehmen können und dass auch in noch so wenig relevanten oder auch problematischen und unverständlichen Vorträgen und Artikeln ein Funken sein kann, eine Argumentationsbewegung, eine Darstellungsweise, eine Haltung, eine Schreibgeste, die, von der richtigen Person aufgefasst, sich in ein Netz des sinnvollen Fortschrittes einfügen kann, oder anders gesagt: Auch der Fortschritt arbeitet mit Fehlschlägen. Doch wenn niemand diese Fehlschläge benennen darf, ist es wie bei einem Kind, das über einen Baustellenzaun klettert: Eine Person wird vermutlich seine Praxis, die Maschen des Zaunes zu greifen, auf das eigene Klettern anwenden und dadurch verbessern, doch die meisten sehen nur ein Kind, das über einen Zaun klettert und ein „Betreten-verboten“-Schild missachtet und werden dies imitieren.

Geht man aber ins Quasi-Private, in die Kolloquien, betritt man einen fast rechtsfreien Raum: Hier stellen Forschende ihre Projekte vor, in die sie, aufgrund der verständlichen aber prekären Verquickung von Persönlichem und Beruflichem, ihr ganzes Ich hineingelegt haben und mit ihnen folglich fast identisch sind. Diese gleichsam wachszarten Texte, auf denen sich jeder Finger eindrückt und ihn verformt, treffen dort auf eine gruppenpsychologisch fragwürdige Konstellation, in der sich mehrere Personen vor sich, voreinander und vor den präsidierenden Professoren, die im Sinne der Resilienzbildung viel laufen lassen, präsentieren. Die Kritik betrifft dabei nicht nur Gedanken oder Missverständlichkeiten, darauf wäre man wohl eingestellt, sondern schwankt häufig zwischen der Fragestellung als solcher und der Zeichensetzung, sodass man sich in den grundlegenden Fähigkeiten als Wissenschaftler und Schreibender attackiert sieht. Ich sehe dies ambivalent: Oft genug kommt es zu Tränen, aber wenn man das ein paar Jahre gemacht hat und noch eine Promotion und eine Disputatio hinter sich gebracht hat, kann einen fast keine Situation mehr aus der Ruhe bringen.

Und, letztes Wesen der akademischen Narren: Man bewegt sich in einem Pseudo-Jetset: Man ist ja Ästhet und gibt gerne viel Geld aus für Reisen und Essen und dann sitzt man auf einmal bei Gesprächen, wo es um das beste Wasser für Siebträgermaschinen geht, die besten Schlaftabletten für Interkontinentalreisen oder die besten Wanderschuhe. Und natürlich: Auch ich ließ mich von den Rauchschwaden dieser Opiumhöhlen mit Gefallen einhüllen und gab mich der dekadenten Noblesse eines Des Esseintes oder Charlus, oder wenigstens der sanguinischen eines Krull, hin, und hatte danach doch immer ein befremdliches Gefühl.

Einen Habitus der Kritiklosigkeit muss man aber verinnerlichen und nach außen tragen, um Erfolg zu haben, das ist „professoral“ – und ich hatte immer den Eindruck, dass dahinter eigentlich eine gewisse Persistenz bürgerlicher kultureller Dominanz steckt. Ich möchte jedoch hervorheben, dass ich wirklich tolle Professoren, Post-Docs, Doktoranden und Studenten in meinem Leben getroffen habe, mit Intelligenz, Scharfsinn, Beobachtungsgabe, Ausdrucksvermögen und weiteren beeindruckenden Talenten, sogar einige, aber das waren fast immer die Leute, die auch mit zunehmendem Alter und Status Nerds geblieben sind und nicht Funktionäre wurden.

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