Post-Postdoc-PTSD
Ich packe mein Mäppchen aus
Es gibt den schönen Text von Walter Benjamin „Ich packe meine Bibliothek aus“, in dem er eben genau dieses Tun als Ausgangspunkt für Gedanken über die Sammlung und das Sammeln nutzt. „Jede Leidenschaft grenzt ja ans Chaos, die sammlerische aber an das der Erinnerungen“, schreibt Benjamin dort, um klarzumachen, dass in ihr Zufall liegt, dem aber auch ein Moment des Eingedenkens angehört: „Denn was ist dieser Besitz anderes als eine Unordnung, in der Gewohnheit sich so heimisch machte, daß sie als Ordnung erscheinen kann?“ Die Sammlung verrät dabei mehr über den Sammler als über die Gegenstände, kann aber auch über sie, durch die Kombinatorik ihres Zusammenkommens, etwas preisgeben.
Bei jedem Vorstellungsgespräch erhält man einen Kuli und einen Block, manche sind wirklich von guter Qualität und durchdacht, andere Meterware. Der Stift, sei es nun der glänzende blaue oder der klapprige rote, repräsentiert die Institution, die sagt, dass ihr auch das Kleinste wichtig ist oder dass es eben Wichtigeres gibt als solche Gebrauchsgegenstände. Wenn ich die Stifte in ihren Farben – grün ist auch dabei, dann natürlich schwarz – und der Textur: manche glatt, andere gummiartig oder gerippt, durchgehe, denke ich unwillkürlich an die Gespräche, die ich hatte und die Gründe der Absage, die ich teilweise so hörte oder mir im Nachgang erschließen musste: Falsche Vorbereitung; fehlende Chemie mit dem Vorgesetzten; Zusage, aber logistische Probleme; keine Teilzeit möglich obwohl ausgeschrieben; lieber jemanden genommen, der dem Team ähnlich war; Lebenslauf falsch gelesen und deshalb Kompetenzen unterstellt, die ich nicht hatte; andere, besser qualifizierte Person; Einladung war nur Farce, man hatte schon jemanden; man wollte jemanden, der sofort helfen kann und keine Einarbeitung braucht, den Laden also kennt; es gab Bewerbungen, die das Profil übererfüllt haben; spontane Reisetätigkeiten waren jetzt doch verpflichtend; ständige Präsenz wird doch verlangt.
Was man in dieser Kombinatorik vielleicht erkennen mag, ist der Rationalisierungsdrang für das Je-ne-sais-quoi und wie wichtig es für die Institution in ihrem Selbstverständnis als auch einem selbst als gescheitertes Individuum ist, diese Aussage zu bekommen. Der Stift als Ausdruck des Symbolischen und des Logos drückt den Zwang aus, einen nachvollziehbaren Grund zu finden, anstatt ein unerträgliches Unbestimmtes akzeptieren zu müssen. Doch eigentlich ist die bloße Existenz des Stiftes auch noch der Beweis einer gewissen Nostalgie oder Anregung eines Möglichkeitssinns, der die Verbindung zu dieser nie realisierten Gelegenheit kurzzeitig aufflackern lässt. Auf eine gewisse Weise ist sie auch Ausdruck eines Wiederholungszwangs, hinter dem noch viel tiefere Gründe liegen können. Jedoch: Was macht man nur mit so vielen Stiften?